Das alemannische Mühlhausen

Das heutige Gesamtdorf Mühlhausen ist aus zwei Siedlungskernen zusammengewachsen, die ursprünglich durch einen etwa 800 m breiten Zwischenraum getrennt waren: dem jetzigen Oberdorf auf der “Leberen” und dem Unterdorf bei der uralten Mühle am Hepbach, der sogenannten “Wieden”). Obwohl auf einheitlicher Gemarkung gelegen, haben beide Dorfteile in manchem verschiedene Schicksale gehabt. Von dem Oberdorf auf der Leberen war schon die Rede. Es ist in seinem Kern anscheinend die älteste bestehende Siedlung auf Mühlhäuser Boden und geht wahrscheinlich, wie etwa auch die Dörfer Welschingen, Wahlwies und Wallhausen, auf eine Restsiedlung keltoromanischer, “welscher“ Leute zurück, die die Stürme der Völkerwanderungszeit und der alemannischen Landnahme überdauert haben und dabei in Abhängigkeit von den neuen alemannischen Herren des Landes geraten sind. Die Leberen liegt fast im Mittelpunkt der heutigen Mühlhauser Gemarkung an der vorgeschichtlichen Strasse von Singen zur oberen Donau.

Nach Südosten zu stößt die Mühlhauser Gemarkung längs dieser Straße unter dem Hohenkrähen hindurch bis unmittelbar an die Gemarkung von Singen vor, die sich aus der Gegenrichtung in einem schmalen Streifen ebenfalls der Strasse entlang vorschiebt. Durch diese vorspringenden Zipfel Mühlhauser und Singener Gebietes werden die zwischen beiden Orten liegenden Gemarkungen Schlatt und Hausen an der Aach vollständig von der alten Strasse abgeschnitten.

Da Schlatt und Hausen, wie schon ihre Namen erweisen, jüngere Dörfer aus der zweiten alemannischen Siedlungsperiode (etwa im 6.-8. Jahrhundert nach Christus) sind, hat es den Anschein, dass die Besitzverteilung längs der Strasse am Hohenkrähen schon auf die Zeit vor der Gründung dieser beiden Ortschaften zurückgeht. Das bedeutet, dass nicht nur die Gemarkung des schon in der ersten alemannischen Siedlungszeit entstandenen Singen, sondern auch die Gemarkung von Mühlhausen an dieser Stelle einen Besitzstand wiedergibt, der älter ist als die Dörfer Schlatt und Hausen. Dies berechtigt zu der Annahme,  dass das Gebiet um die Mühlhauser Leberen einer eigenen Gemarkung zugehörte, die etwa gleichalt wie Singen und älter als die Gemarkungen Schlatt und Hausen war, die mit anderen Worten bereits in die erste alemannische Siedlungsperiode in der letzten Hälfte des 5. und am Anfang des 6. Jahrhunderts  n. Chr. zurückreicht  2).

1) Der Name „Wieden“ ist wohl als „(Vieh-) Weide“ zu deuten. Eine Ableitung vom Kirchenwidum scheidet aus, da dieses hauptsächlich in der Leberen und bei der Johannesbrücke lag. Für den alten Sprachgebrauch (1461) vgl. Berain 10855/ fol. 4 v: “Der acker den man nempt zu der Widen”. Genau genommen ist die „Wieden“ nur der Siedlungsteil um die Mühle nordöstlich der Bahnlinie, das Gebiet des früheren Kellhofs und die Josefskapelle gehören also nicht zu ihr. Dennoch wird in folgenden der Name für das gesamte Unterdorf verwendet, da es an einer anderen zusammenfassenden Bezeichnung für diesen Dorfteil heute fehlt.

2) Zur Datierung vgl. den Überblick bei Funk, Frühbesiedlung des Hegaus, aa O.S. 29

PrintFriendly and PDF

Seiten 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14