Mägdeberg als Kultstätte

Vielfältig sind die volkskundlichen Einzelzüge die grossenteils in jüngerem, christlichem Gewand, an die frühere Bedeutung des Mägdebergs als Kultstätte der drei Beten erinnern: Bis zu der Aufhebung der letzten St. Ursulakapelle im Jahre 1788 war der Berg Ziel volkstümlicher Wallfahrten; bis heute sind daneben Legenden und Überlieferungen lebendig geblieben die in ihrem ursprünglichen Sinngehalt ebenfalls weit zurückführen. Diesen kultisch-volkskundlichen Einzelzügen nachzugehen, ist angesichts ihrer Vielfalt gerade bei diesem Berg von besonderem Reiz. Das eindrucksvollste Bild von der einstigen kultischen Bedeutung des Berges vermittelt die Geschichte seiner Wallfahrt. Diese Wallfahrt war weit älter als die wohl erst im 15. Jahrhundert aufgekommene St. Ursulaverehrung auf dem Mägdeberg, die früheste christliche Wallfahrtskapelle an dieser Stätte muss ein Marienheiligtum gewesen sein. Denn zum Jahr 1466 wird in einer Konstanzer Chronik ein nach dem Volksglauben wundertätiges Marienbild erwähnt, das damals in der St. Lorenzkirche in Konstanz stand und, wie der Chronist hinzusetzt, von Krieges wegen „vor 103 Jahren“ vom Mägdeberg nach Konstanz gebracht worden sei 13):

Item unser frow, die ist uf sant Lorencen altar bi dem obren markt, die ist bürttig uss dem Hegi bi der Mägtburg, daz da lit bi den dru Stofflen 14) im Hegi, und het grosse zaichen ton an deenen enden. Und von krieg wegen ist sie in die cappel kumen und daz ist 100 jar und 3 jar“.

Die Rückrechnung nach der Angabe des Chronisten ergäbe 1363 als Jahr der Uberführung des Bildes nach Konstanz; gemeint ist aber ohne Zweifel das Jahr 1378, in dem die Burg Mägdeberg von den Konstanzern belagert und völlig zerstört worden ist 15). Das wundertätige Marienbild – wohl eine schlichte Holzplastik von der Art der bis heute erhaltenen Wallfahrtsbilder in der Brunnenkapelle bei Hattingen 16) in Birnau oder auf dem Frauenberg bei Bodman – dürfte auf dem Mägdeberg vor 1378 in der Burgkapelle seinen Platz gehabt haben 17).

13) Franz J. Mone, Quellensammlung zur badischen Landesgeschichte, 1841/67, Bd. 1, S. 348.
14) Die drei Burgen auf dem Hohenstoffeln.
15) Vielleicht liegt ein Versehen des Chronisten bei der Übernahme der Jahreszahl zugrunde: die römischen Ziffern „mccclxiii“ anstelle von „mccclxxviii“?
16) Vgl. Albert Funk, Hegau – Lage, Namen, Grenzen, in: Hegau, Ztschr. f. Gesch., Volkskunde u. Naturgesch. des Gebietes zwischen Rhein, Donau u. Bodensee, Heft 1, Singen 1956, S. 11 ff. (5. 15, Anm. 16).
17) Die Herkunftsbezeichnung „bei der Mägtburg“ kann trotz ihres ungenauen Ausdrucks nicht anders als auf den Mägdeberg selbst bezogen werden: Eine einzelstehende Kapelle ohne räumlichen Zusammenhang mit der Burg wäre wohl kaum von den Kriegsereignissen betroffen worden; zudem stand auch die seit der Mitte des 15. Jh. nachweisbare jüngere Kapelle auf dem obersten Felsgipfel des Berges. Der Konstanzer Chronist zum Jahr 1466 kannte den Namen „Mägtburg“ nur als den einer seit bald neunzig Jahren zerstörten und seitdem nicht wiederaufgebauten Burg deren Örtlichkeit er vermutlich nie gesehen hatte. Der ungenaue Ausdruck ist damit ohne weiteres zu erklären.

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