Mägdeberg als Kultstätte

Das Vorhandensein einer solchen Kapelle steht schon deshalb ausser Frage, weil die hochmittelalterliche Burg nicht nur eine Gründung des Klosters Reichenau, sondern auch länger als ein Jahrhundert freies Gut und zeitweiliger Aufenthaltsort der reichenauischen Äbte gewesen ist. Das schliesst nicht aus, dass die Marienwallfahrt zum Mägdeberg älter war als die seit 1240 nachweisbare reichenauische Burg. Uber das Schicksal des einstigen Mägdeberger Wallfahrtsbildes nach 1466 ist nichts mehr bekannt. Weil es auch in keinem der Konstanzer Kircheninventare der späteren Zeit mehr erwähnt wird, liegt jedoch die Vermutung nahe, dass es im Bildersturm der Reformationszeit (1527) untergegangen ist. Mit der Zerstörung der Burgkapelle und der Wegführung des Bildes nach Konstanz haben 1378 die Marienwallfahrten zum Mägdeberg ihr Ende gefunden. Nur das heutige Nebenpatrozinium Unserer Lieben Frau in der Mühlhauser Pfarrkirche enthält möglicherweise noch eine Erinnerung an sie. Die Verehrung der bäuerlichen Wallfahrer des 14. Jahrhunderts hatte nicht so sehr an ein vergeistigtes Bild, sondern gegenständlich und für die Augen fassbar an das „wunderkräftige“ Wallfahrtsbild selbst angeknüpft. Mit seinem Verlust war daher der Mägdeberger Marienwallfahrt in den Augen des Volkes ihr eigentlicher Mittelpunkt genommen. Was blieb, war das Bewusstsein, dass der Berg von alters her heiliger Boden war. Diese Überlieferung hat schon im 15. Jahrhundert einen neuen Anknüpfungspunkt in den legendären Gestalten der h1. Ursula und ihrer 11.000 Jungfrauen gefunden. 1479 und 1524 wird auf dem Berg wieder eine Kapelle erwähnt, schon 1444 und 1461 das Haus eines „Bruders‘ in den Ruinen der alten Burg 18). Diese neue Kapelle ist unzweifelhaft die bis 1788 gebliebene St. Ursulakapelle, auch wenn ihr Patrozinium für die Zeit vor dem Dreissigjährigen Krieg urkundlich nirgends bezeugt ist. Dass sie sehr volkstümlich und damit auch Wallfahrtskapelle war, ist durch das Vorhandensein eines eigenen Bergbruders, der den Mesnerdienst besorgte, bewiesen. Eine solche Verbindung von „Bruderhaus“ und abgelegener Wallfahrtskapelle findet sich im Mittelalter und bis in die Neuzeit hinein an vielen Orten.

So wie im 12. und 13. Jahrhundert die Marienverehrung eine Hochblüte erlebt hatte, brachte das Spätmittelalter eine ungemein volkstümliche Welle der St. Ursulaverehrung hervor. Nach der Legende war diese Heilige die Tochter eines britischen Königs, die mit einer Schar von 11 .000 Jungfrauen auf der Rückkehr von einer Pilgerfahrt nach Rom bei Köln von den Hunnen durch Pfeilschüsse getötet wurde. Diese bis ins 11. Jahrhundert erst zum Teil ausgebildete Erzählung ist im Spätmittelalter bis ins Phantastische ausgesponnen worden. Zugleich fand damals der Kult der Elftausend Jungfrauen du!‘ h die C1bertragung vermeintlicher Reliquien in ganz Deutschland weiteste Verbreitung 19). Beziehungen zwischen dem Legendenkreis um die hl. Ursula und dem verdunkelten Erinnerungsgut um die vorchristlichen „Drei Frauen“ sind mancherorts deutlich zu erkennen 20). So hat sich auch um den Mägdeberg vermutlich in den ersten Jahrzehnten des 15. Jahrhunderts, eine Ranke der Ursulalegende gelegt, mit  der das Volk jener Zeit eine neue Deutung für den Namen des Berges fand: auf ihrem Rückweg von Rom soll nämlich die Schar der 11.000 Mägde den Berg besucht und auf ihm ein Frauenkloster gestiftet haben 21). Die Erzählung von jenem Kloster wurde durch Generationen mit einer festen Überzeugung weitergetragen, von der den besten Eindruck eine Notiz zu geben vermag, die der Mühlhauser Pfarrherr Johann Jakob Baro um 1760 in sein Calendarium einschrieb 22):

Möggberg war allzeit ein römisches Forum, auch Castrum und ein Frauen Kloster, niemals eine Burg oder Abstammungsschloss wie einige Wohldiener es den Herren von Rost 23) zueignen“.

Viele der alten Drei-Frauen-Orte zeigen Spuren eines vorchristlichen Quellenkultes, der sich in verändertem Gewand oft bis tief in die christliche Zeit hinein erhalten hat 24)

18) 1479: „Bedenken des Landhofmeisters zum Tag von Augsburg (1480)“ im Hauptstaatsarchiv Stuttgart, Der Herrschaft Feinde, Büschel 15, WR 4460, Vl.
1524, GLA, Abt. 229, 63 184.
1444: Regesta Episcoporum Constantiensium, Regesten zur Geschichte der
Bischöfe von Konstanz, bearb. v. P. Ladewig u. Th. Müller, Innsbruck 1895 ff. Bd. 4, S. 111
1461; GLA – Berain 10855/ fol. 4 V.
19) Vgl. Josef Braun, Tracht und Attribute der Heiligen in der deutschen Kunst Stuttgart 1943, S. 706.
20) Vgl. SchölI, S, 10 f.
21) Vgl. etwa K. Weiss/ Hohentwiel und Ekkehard, Singen 1910, S. 323.
22) Calendarium Perpetuum von 1703, 2. Teil, Pfarrarchiv Mühlhausen (Schreiber und Datierung nach Schriftvergleich mit dem Taufbuch)
23) Die damalige Standesherrschaft Mühlhausens, mit der Baro offenbar nicht im besten Einvernehmen lebte.
24) Vgl. etwa die schon erwähnte Brunnenkapelle bei Hattingen. Ein „Heiligenhäuschen“  in unmittelbarer Nähe von Quellen findet sich im 16. Jh. auch am Hohentwiel (Karl v. Martens, Geschichte von Hohentwiel, Stuttgart 1857/ S. 59). Vgl. im allgemeinen Schöll, S. 64, 65 u. a.

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